Hilfsschnitte und Freiformflächen


"Werkzeuge sind ein wiederkehrendes Thema in eurer Arbeit. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Wiha?"


"Das weiß ich gar nicht mehr genau. Es war auf alle Fälle so um 1998. Wir haben für diesen Auftrag SolidWorks als CAD Software eingeführt."

"Was hat eine CAD Software mit einem Auftrag zu tun?"

"Wir hatten von Wiha den Auftrag, den bestehenden Werkzeughalter zu ersetzen. Der war aus gebogenem Blech und wurde seit Jahrzehnten genau so gefertigt. Nun hatte Wiha aber seit Längerem auf Kunststoff umgestellt, und so sollte auch dieses Werkzeug dann in Kunststoff gefertigt werden. Nur mit unserem Modell und den Freiformflächen konnten die Konstrukteure bei Wiha nichts anfangen. Sprich: Sie konnten es damals nicht in ihrem bestehenden CAD Programm umsetzen. Wir arbeiteten damals selbst auch mit ProE und wussten, das geht mit dem Programm nicht. Einzig Catia konnte damals Freiformflächen. Die Software war unbezahlbar. Was tun?"

"Ihr habt dann SolidWorks ausprobiert?"

"Genau. Wir haben SolidWorks angeschafft und versuchten dort Freiformflächen aufzubauen. Das ging nur rudimentär. Es sah immer anders aus als unser physisches Modell. Zum Schluss habe ich es mit einer Art Hilfsschnittverfahren probiert. Wir haben das Modell in feine Scheiben geschnitten, die Scheiben als Stempel genommen und die Kontur auf Papier abgestempelt. Die Stempelkonturen eingescannt und vektorisiert. Die Vektordaten als Ebenen in SolidWorks transferiert und darüber ein Netz gezogen. Für heutige Zeiten unfassbar. Aber es hat geklappt. Die Wiha-Konstrukteure waren allerdings mit unseren Daten überfordert. Wir mussten alles bis ins letzte Detail auskonstruieren. Das hat uns wiederum zum damaligen Zeitpunkt fast überfordert."

"Aber ihr habt es geschafft, und das Produkt wird immer noch unverändert verkauft."

"Richtig. Der PocketStar hängt immer noch im Baumarkt und wird gut verkauft. Ein absoluter Topseller. Direkt im ersten Verkaufsjahr wurden die Stückzahlen gegenüber dem Vorgängermodell verzehnfacht und das Produkt ist jetzt zwanzig Jahre im Markt."

"Wow. Der Beginn einer intensiven Zusammenarbeit."

"Ja und nein. Wir haben noch einige Projekte für Wiha gemacht, standen aber immer im Wettbewerb zu anderen Designbüros. Den Ausschlag für den Auftrag gab dann jedesmal der Preis. Es spielte also keine Rolle. ob da schon erfolgreiche Produkte gemacht wurden. Das finde ich etwas schade, ist aber kein typisches Phänomen von Wiha, sondern wird auch bei anderen Firmen so praktiziert. Toll wäre es natürlich gewesen, wenn wir einen Lizenzvertrag bekommen hätten. Das ist aber in der Branche unüblich. So freue ich mich einfach, dass dieses Produkt so erfolgreich war und ist."